Schicht am Schacht - Glückauf Niederrhein

IG BCE rockt auf der Seilscheibe

In weniger als 100 Tagen ist es soweit, der deutsche Steinkohlenbergbau wird Geschichte sein. Anlass genug für den IG BCE Bezirk Moers sich auf angemessene Weise bei den Menschen, den Kumpels, zu bedanken, die den Steinkohlebergbau repräsentieren und zu dem gemacht haben, was der Steinkohlenbergbau für Deutschland bedeutet hat. Als um 22:00 Uhr in Kamp-Lintfort bei der Abschiedsfeier „Schicht am Schacht - Glückauf Niederrhein“ die Lichter ausgehen und alle glücklich das Gelände verließen, strahlen sie im neuen Glanz, die Fördertürme der Schachtanlage Friedrich Heinrich. Sie wurden für diesen Anlass, und da gilt der Dank dem Förderverein der Landesgartenschau, illuminiert. "Spektakulär", freuten sich viele der Gäste auf dem Nachhauseweg, "bleibt das jetzt immer so?"

Uwe Steiche

Schicht am Schacht

Vieles ist nicht so geblieben wie es mal war, das stellten auch die Kolleginnen und Kollegen fest, die sich an diesem Abend nach teilweise vielen Jahren das erste Mal wiedersahen. Sie arbeiteten teilweise Schulter an Schulter um das schwarze Gold aus dem Berg zu brechen. Doch die guten Regelungen der IG BCE hatten ihnen vor Jahren schon eine sozialverträgliche Abkehr vom Bergbau im ermöglicht. "Ich hatte so tolle Gespräche und es war ein ganz toller Abend", so Friedhelm Vogt, letzter Betriebsratsvorsitzender des Bergwerks, der heute an der Küste lebt und der noch heute die IG BCE als Serviceassistent in der Region tatkräftig unterstützt und repräsentiert.

Uwe Steiche

Gespräche

"Der Partymann" aus Kamp-Lintfort sorgte für das leibliche Wohl. Für die gute Stimmung auf dem Gelände sorgte die Band "WhiteRoom" die mit bekannten Chartstürmern das Festzelt rockte. "Gerade noch am OP-Tisch, jetzt hier auf der Bühne", so wurde die Band des Krankenhauses St. Bernhard, Kamp-Lintfort, von Gewerkschaftssekretär Guido Freisewinkel angekündigt. Sie spielten ehrenamtlich für dieses Fest. "Uns ist es wichtig, dass alle Spaß haben und sich hier wohlfühlen. Das haben wir mit unserem musikalischen Beitrag erreicht" resümierte Dr. Gero Frings der Schlagzeuger und Leiter der Band.

Uwe Steiche

Band Band "WhiteRoom"

Sich erinnern, miteinander reden oder sich nach langen Jahren einfach in den Armen zu liegen, dem wurde ein breiter Platz eingeräumt. Flankiert wurde dieses durch die Informationsstände der Ortsgruppen und die historische Ausstellung des Förderverein für Bergmannstradition linker Niederrhein e. V.. Für die gute Laune der Kleinsten der Kleinen sorgte eine gigantische Hüpfburg und der Bezirksjugendausschuss des Bezirks Moers, der unter anderem die Kinder ganz toll schminkte. Beim jüngsten Teilnehmer, kaum 100 Tage alt, stieß dies allerdings auf wenig Interesse.

Uwe Steiche

Generationen

Auf viel Interesse stießen allerdings die Worte der hochkarätigen Redner der Veranstaltung. Deren Wortbeiträge wurden durch den Knappenchor Rheinland e.V. und den Jugendspielmannszug Glück-Auf Geldern 1947/ 67 e.V. festlich umrahmt. IG BCE-Bezirksvorstandsmitglied Johannes Hartmann, der den Auftritt des Spielmannszuges koordinierte, zeigte sich begeistert, "die Jugend an die Tradition des Bergbaus in der Region heranzuführen ist für unseren Spielmannszug eine wichtige Aufgabe. Man darf seine eigenen Wurzeln nicht vergessen."

Uwe Steiche

Knappenchor & Jugendspielmannszug Knappenchor Rheinland e.V. und Jugendspielmannszug Glück-Auf Geldern 1947/ 67 e.V.

Dies war auch der Tenor der Rede von Norbert Ballhaus dem Vorsitzenden des Förderverein für Bergmannstradition linker Niederrhein e.V.. "Wir halten die Tradition des Bergbaus in der Region aufrecht und das ist wichtig für die kommenden Generationen", so Ballhaus. Er orientierte sich dabei an den Worten seines Vorredners.

Uwe Steiche

Norbert Ballhaus Norbert Ballhaus

Peter Schrimpf Vorstandsvorsitzender der RAG freute sich im Rahmen dieser festlichen IG BCE- Veranstaltung das Wort an Kolleginnen und Kollegen und die zahlreichen Weggefährten zu richten. Heute findet am linken Niederrhein der Abschied vom Steinkohlebergbau statt der in diesem Jahr ausläuft. Er betonte, „[…] dass der Auslaufprozess ohne soziale Verwerfungen gelungen und kein Bergmann ins Bergfreie gefallen ist. Dieser Erfolg war aber keineswegs selbstverständlich, sondern ein Kraftakt, den wir gemeinsam mit unseren Partnern gestemmt haben. Dafür gilt allen Beteiligten – allen voran unserem Sozialpartner IG BCE und den Betriebsräten – unser herzlichster Dank.“ „Der heimische Steinkohlenbergbau war Triebfeder der Industrialisierung, Motor des Wiederaufbaus und legte mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl das Fundament der heutigen EU. Unsere Bergwerke haben Hunderttausenden Menschen Arbeit gegeben, Wohlstand geschaffen und vorbildlich die Integration von Einwanderern bewerkstelligt. Zudem wäre die Entwicklung des Ruhrgebiets zur heutigen Metropole Ruhr mit über 5 Millionen Einwohnern ohne Kohle und Stahl kaum möglich gewesen. Auf alle diese Entwicklungen und Errungenschaften dürfen Sie, dürfen wir alle stolz sein,“ so Peter Schrimpf. „Hierbei sehen wir uns in […] unserer Verantwortung für die Kohleregionen […] Der Bergbau hinterlässt keine verbrannte Erde, sondern gestaltet aktiv den Wandel. Facettenreiche Projekte zur Folgenutzung haben wir mit unseren Partnern aus Stadt und Land in den vergangenen Jahren initiiert. [und] auch in der Nachbergbauzeit übernimmt die RAG Verantwortung für die Bergbaufolgen.“
Zum Abschluss betonte er, wie sehr er sich darüber freue, im Anschluss an den „offiziellen Teil“ mit den Kolleginnen und Kollegen zu reden.

Schrimpf Peter Schrimpf

Prof. Dr. Christoph Landscheidt, Bürgermeister der Stadt Kamp-Lintfort, betonte in seiner Rede die Wichtigkeit des Bergbaus in Kamp-Lintfort. "Ich freue mich, das ist das Besondere an diesem Gelände, wie man hier erfahren kann, dass der Strukturwandel in Kamp-Lintfort vorangeht, denn auf diesem Gelände findet die Landesgartenschau 2020 statt", so Prof. Dr. Landscheid, "in Kamp-Lintfort, dem Hochschulstandort, werden Menschen für die Zukunft fit gemacht, auf deren Schultern das Know-how unseres Landes liegt". Aber du und der Strukturwandel in den Köpfen der Menschen beginnt.

Uwe Steiche

Prof. Dr. Christoph Landscheidt Prof. Dr. Christoph Landscheidt

"Menschen prägen einem Region, nicht Maschinen oder Mammon", betonte Matthias Jakobs, Bezirksleiter der IG BCE Moers. Er eröffnete die Veranstaltung mit dem traditionellen Bergmannsgruß "Glück auf!". "Wir sind eine zukunftsorientierte Gewerkschaft mit einer über 125-jährigen Tradition. Weil wir uns dieser Tradition verpflichtet fühlen, flankieren wir den Abschied des deutschen Steinkohlebergbaus heute mit dieser Veranstaltung", so Matthias Jakobs in seiner Begrüßung. Für die Unterstützung der RAG aber auch der Stadt Kamp-Lintfort bedankte sich Matthias Jakobs ganz besonders.

Uwe Steiche

Jakobs Matthias Jakobs

Er betonte, dass Bergleute und Gewerkschaft auf einigen Feldern beachtliche Leistungen vorweisen können. Denn weltweite Führung in der Fördertechnologie, Spitzenergebnisse bei der Sicherheit durch vorbildlichen Arbeitsschutz, allseits anerkannte Ausbildung auch in schweren Zeiten und nicht zuletzt wegweisende Innovationen im Sozialen sind gerade durch den montanmitbestimmten Steinkohlenbergbau angestoßen worden. „Die paritätische Besetzung des Aufsichtsrates, die echte Gleichberechtigung in Führung und Verantwortung hat aus Konfrontation Kooperation gemacht. […] Gemeinsam haben wir eine Mitbestimmungs- und Unternehmenskultur geschaffen, die bis heute beispielhaft ist. Das ist unser Bild von guter Industriearbeit, so Matthias Jakobs.

Uwe Steiche

Zuhörer

„Wir werden die Kohleverstromung noch lange brauchen, weil gerade ein Kernkraftwerk nach dem anderen vom Netz geht und die Erneuerbaren keinen grundlastfähigen Strom liefern. Daher denken wir auch jetzt an die Bergleute im Braunkohlerevier, die unser Land und seine Betriebe mit sicherer Energie versorgen.

“ Er bedankte sich bei allen Kolleginnen und Kollegen, die ihren Beitrag in den letzten Jahrzehnten geleistet haben und wünschte allen ein schönes Fest. Dieses wäre allerdings nicht möglich gewesen, wenn nicht das Team des Bezirks Moers in den letzten Wochen mehr als 130% Engagement geleistet hätte. Er bedankte sich besonders beim Kollegen Guido Freisewinkel, der diese Veranstaltung federführend organisiert hat.

Matthias Jakobs betonte: „Und wenn die Beschäftigten von Prosper Haniel am 21. Dezember nach der letzten Schicht ihren Heimweg antreten, können sie dies erhobenen Hauptes tun. Weil nicht nur NRW oder das Saarland, sondern die ganze Republik ihnen und all ihren Kollegen zuvor viel zu verdanken hat. Ich bin mir sicher: Brauchtum, Sitten und Kultur der Bergleute werden überdauern. Sie sind längst Teil der Identität von Nordrhein-Westfalen.“

Uwe Steiche

Redner v.l.n.r.: Norbert Ballhaus, Prof. Dr. Christoph Landscheidt, Peter Schrimpf, Matthias Jakobs

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